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HICK-HACK ZU ZWEI RECHTEN HÄNDEN

Gemeinschaftsarbeiten von Andreas Dress und Claus Weidensdorfer im Deutschen Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei Leipzig

Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei Leipzig zeigte jüngst in einer Ausstellung Gemeinschaftsarbeiten der sächsischen Künstler Andreas Dress und Claus Weidensdorfer aus über 15 Jahren (27.04.-27.06.1998). Die hervorragende Präsentation, welche diesen besonderen, für die Pflege und Weiterentwicklung Leipziger Buchkunst-Traditionen bedeutsamen Ort zweifelsfrei genauso verdient hatte wie die Aufmerksamkeit und Neugier des Publikums, wurde in enger Zusammenarbeit mit der Leipziger Globus Galerie vorbereitet.

Dress & Weidensdorfer: Frieder und Katerlies im Paradies, Tusche, Feder/Pinsel über Radierung, 54 x 73 cm, 1997

Andreas Dress und Claus Weidensdorfer sind keine unbekannten Namen in der deutschen Kunstlandschaft. Aber nur wenigen Kennern dürfte tatsächlich bekannt sein, daß die beiden Künstler neben der Arbeit an ihrem Personaloevre schon seit längerer Zeit auch immer wieder gemeinsame Sache machen.

Anlaß für die Idee und schließlich für die Vorbereitungen zu dieser Ausstellung war das originalgraphische Künstlerbuch von Weidensdorfer und Dress: "Ein Deutscher Hausschatz". Es hat seit seinem ersten Auftritt nicht nur das volle Interesse und die ganze Zuneigung des Galeristen sondern auch zahlreicher Kenner und Liebhaber gefunden. Der "Hausschatz" befindet sich heute im Besitz wichtiger öffentlicher wie auch privater Sammlungen. Von einer Präsentation auf der 5. Internationalen Ausstellung für Künstlerbücher und Handpressendrucke Leipzig 1996 ging es sogleich in den Besitz des Deutschen Buch- und Schriftmuseums über, auf einer der letzten Leipziger Bildermessen fand es überraschend spontan einen privaten Fan und so weiter.

Die magische Wirkung, welche von diesem Buch ausging, hat bis heute angehalten &endash; nicht zuletzt deshalb, da es im Laufe der Monate und Jahre immer neue Gestalt annimmt.

"Ein Deutscher Hausschatz", ein in neunzehn Platten radiertes, gemeinsames Meisterstück des Künstlerduos Andreas Dress und Claus Weidensdorfer verbindet figurative Darstellungen und eigene Texte auf zum Teil farbig übermalten Einzelbildern, welchen zunächst nur die unberührten Rückseiten der jeweiligen Vorblätter gegenüberstehen. Text und Bild als geschlossene graphische Erscheinung bestimmen in aufeinanderfolgenden Kapiteln den Charakter des Buches, das als herrlich amüsante, kräftig-deftige Märchenverballhornung einherkommt, mit sichtlichem Vergnügen an den elementaren Dingen des Lebens, am Wortwitz und an virtuoser Zeichenkunst. Im Gegensatz zu einer Gegenüberstellung von reinen Text- und Bildabschnitten im Sinne traditionell-konservativer Buchgestaltung werden lesbare, in die Druckplatte geschriebene und später mit Bleistift, Pinsel oder Feder ergänzte Textfelder künstlerisch individuell als notwendige Informationselemente mit skripturalen Passagen und reinen Bildflächen zu einem Künstlerbuch par excellence verwoben und jedes der sechzehn Hausschatz-Exemplare als unverwechselbares und eigenständiges Unikat zur Welt gebracht.

Im Laufe des gemeinsamen Handelns verdichten sich die Gestaltungen. Übermalungen, neue, handschriftlich aufgetragene Texte und Zeichnungen belegen freie Flächen, besiedeln die dünnen Seidenpapiere, bemächtigen sich der Buchdeckel, überlagern zärtlich oder mit überzeugender Gewalt die Radierungen. Immer freier komponiert, köstlicher und reicher gefüllt sind die Buchseiten, je weniger Exemplare noch zur Verfügung stehen.

Die Globus Galerie wie auch das Deutsche Buch- und Schriftmuseum waren sich darin einig - jetzt ist ein guter Zeitpunkt, Ergebnisse zu dokumentieren und auch das Vorfeld der gemeinsamen Arbeit, welches bis 1982 zurückreicht, näher zu betrachten. Dem "Deutschen Hausschatz" vorangestellt wurden deshalb zwei wichtige und gleichsam bemerkenswerte Gemeinschaftsprojekte der beiden gestandenen und auch als Solisten erfolgreichen Künstler, welche ohne Zweifel ihre heutigen, souveränen Ausflüge in gemeinsames Territorium wesentlich begünstigt haben.

So arbeiteten Dress und Weidensdorfer bereits 1982 in einer Dresdner Graphikwerkstatt, um etwa 50 gemeinsame Blätter entstehen zu lassen, welche schließlich in der Neuen Dresdner Galerie präsentiert wurden. 1986 wurde in den Räumen der Galerie Mitte in Dresden zusammen mit der Bildhauerin Thea Richter eine Installation unter dem Titel "Struktur-Figur-Raum" aufgebaut.

Die Ausstellung im Deutschen Buch- und Schriftmuseum beleuchtete erstmals umfassend diese drei benannten Gemeinschaftsprojekte und stellte zudem, gleichsam als Apperitiv und Einstieg in eine einzigartig-verführerische Kunst-Welt, Einzelarbeiten der beiden Künstler vor.

Ein Teil des Gemeinschaftswerkes der Dresdner Künstler &endash; weitere Arbeiten zum „Deutschen Hausschatz" &endash; wird nun unmittelbar im Anschluß an die Leipziger Ausstellung im Hermann-Hesse-Höri-Museum in Gaienhofen am Bodensee vorgestellt (27.08. bis 09.08.1998).

Ein anläßlich der beiden Ausstellungen von der Globus Galerie in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Buch- und Schriftmuseum herausgegebener, sehr informativer Katalog zum Gemeinschaftswerk von Andreas Dress und Claus Weidensdorfer mit vielen Farb- und Schwarz-Weiß-Abbildungen, mit zahlreichen Aufsätzen, Essays und Rezensionen interessanter Autoren und mit einem Ausstellungsverzeichnis auf insgesamt 72 Seiten ist bei der Leipziger EDITION LEBENSRETTER (Lützowstraße 23, 04157 Leipzig) erschienen und kostet 25 DM. Informationen zur Ausstellung und zum Katalog sind auch via Internet abrufbar unter der Adresse http://members.aol.com/globusart.

Jost Braun, Juni 1998

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EIN DEUTSCHER HAUSSCHATZ

Gemeinschaftsarbeiten von Andreas Dress und Claus Weidensdorfer im Deutschen Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei Leipzig

Wenn Hänsel und Gretel beim Ofengefecht eine Hexe im intellektuellen Lurchstadium bezwingen, Schneewittchen im Finale die unbekömmliche Goldparmäne gegen ihre Glaskiste speit und die narzißtische Königin in den Tod tanzt, wird Ruhe in die deutschen Märchenherzen einkehren. Während die garstigen Figuren in Brunnen rutschen, in der Erde versacken und auf dem Grill dampfen, flanieren die Erretteten über Schloßbrücken und werden zunächst von einem Prinz geschwängert. Die beiden Pole Gut und Böse haben sich wieder geordnet. Der Märchenonkel blättert in einem Buch, in dem Bilder von herzigen Jungfrauen, edelköpfigen Helden und bosheitsgeschüttelten Stiefmüttern die Seiten bevölkern und keine Hürden gegen die allgemein akzeptierte Ikonographie errichtet werden. Wenn aber dieser Geschichten-Opa versehentlich das Buch mit Rumpelstilzchen, Aschenputtel und Allerleirauh von Andreas Dress und Claus Weidensdorfer zur Hand nehmen sollte, um daraus mit sonorer Stimme zu zitieren, dürften die Stimmbänder verdorren und die Pupillen ekelstrotzend explodieren. Denn dieser deutsche Hausschatz birgt bei 19 Radierungen mit der Kaltnadel, bei Übermalungen und Überzeichnungen ein Sonderangebot an Verdrehungen und Verrenkungen, von erotischem Maximalgedröhn und flapsigen Dauerhieben auf die oft großmäulige, doch nicht selten sofakissen-biedere Volksseele. "Dämlienchen", "Allerleiradau" oder "Stumpelrilz" haben dazu ihre traditionellen Wirkungsstätten in Koboldreservaten deutscher Wälder oder zwischen intrigierenden und inzestuösen Hofgesellschaften verlassen und bieten ihre Dienste auf dem Markt gegenwärtiger Alltäglichkeiten an. Im gleichberechtigten Duett verbiegen Dress und Weidensdorfer die gewohnte Kausalität bei Märchenstrukturen. So verwandelt sich die gnomhaft-verschlagene Energie von Rumpelstilzchen zu einem dümmlich-kreischenden Ballett mit masochistischen Tendenzen und Rapunzel schneidet sich selbst die Haare ab, weil die Wonnestunden im Turm mit ihrem Potenzrecken sie scheinbar anöden. Mit Toleranz und Höflichkeit haben Weidensdorfer und Dress die intellektuell unterschiedlichen Ausgangspositionen möglicher Leser beachtet. Deshalb agiert auch manchmal das märchenhafte Ausgangsmaterial als frontal angebotener Hinweis für aktuelle Abläufe. Unter Berücksichtigung dieser freundlichen Geste dürften die Texte über das Eßverhalten von Ost-Klaus und West-Klaus sich vorrangig an schlichte Gemüter ohne Fähigkeiten zu gedanklichen Umwegen wenden. Doch nicht selten verzweigen sich Sprache und Illustration zu Labyrinthen, in denen gutwillige Interpretationsversuche hoffnungslos versanden. Politische, historische und ethische Motive werden dann zu einem Geflecht auf den unterschiedlichsten Ebenen von Zeit und Handlung aufgebaut, dessen Geheimcode für die Entknotung nur die Künstler kennen. Es wäre müßig, detailliert die einzelnen Gestaltungsbeiträge zu isolieren. Die Bilder sind zu einem Organismus gewachsen, der aber die einzelnen Temperamente nicht knebelt. Aber immer dominiert die hemmungslose Lust an der Karikatur und der satirischen Überspitzung. Auf diese Weise wird dem obersten Dummbeutel Hans, der im Tauschwahn sein Glück zu finden glaubt, eine infantile Autogier mit heftiger Geschwindigkeitsüberschreitung zugeteilt. Die aufdringlich fromme und opferbereite Jungfrau auf Lebenszeit im Märchen "Sterntaler" findet ihre Aufgabe im dickbrüstigen Schmuddelmilieu und die sieben Schwaben nutzen ihren Spieß für eine sexuelle Akrobatik auf erhöhter Schwierigkeitsstufe. Überhaupt ist in diesem Buch die deftige Erotik bei Volksmärchen, die im Laufe der Jahre getilgt wurde, wieder sichtbar. So verzichtet die Hexe auf Hänsels dürftigen Dünnfinger, ersetzt ihren Flugbesen durch einen Elite-Phallus, bekundet Desinteresse am kannibalischen Festtagsbraten und widmet sich wohlgelaunt dem neuen Fluggerät. Während Katerlies ihren Unterleib auf die Begegnung mit dem Sensenmann vorbereitet, kann Schwesterchen ihre sodomitischen Neigungen zum Brüderchen, der als vierbeiniges Waldtier auf dem Boden lümmelt, nicht unterdrücken. Die Märchen werden bei Dress und Weidensdorfer erbarmungslos auseinandergenommen und als privater Hausschatz wieder zusammengesetzt. Satzfetzen, Gliedmaßen, obskure Maschinen und phantastische Architekturen toben über die Fläche. Skurriles Federvieh, brennende Kerzen auf Unterlippen oder weibliche Gesäße, die sich auf Kirchturmspitzen erfreuen, bekunden den unerschöpflichen Fundus an Phantasie. Mit zeichnerischer Brillanz, mit einer Beobachtungsgier ohne Begrenzungen und dem Bedürfnis, durch Satire und Persiflage in das Zentrum von Entwicklungen vorzustoßen, haben Andreas Dress und Claus Weidensdorfer ein bemerkenswertes Künstlerbuch geschaffen.

Jürgen Henne, 1998

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SCHNEEWITTCHEN BEIM STRIPTEASE - Das Gemeinschaftswerk von Andreas Dress und Claus Weidensdorfer im Deutschen Buch-und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei

Anthonis van Dyck arbeitete mit Rubens am gleichen Bild. Jan Wildens malte nicht selten Landschaften für die Werke des flämisch-barocken Großmeisters und Frans Snyders lieferte die Tierdarstellungen. Als übergreifender Grund für diese gemeinschaftlichen Aktionen muß bei Rubens, wie in zahlreichen anderen Werkstätten dieser Zeit, die vom einzelnen Künstler nicht mehr zu bewältigende Auftragsflut gelten.

Andreas Dress (geb. 1943) und Claus Weidensdorfer (geb. 1931) werden über 350 Jahre später bei ihrer künstlerischen Kooperation von einer ganz anderen Motivation geleitet. Sie suchen und zelebrieren bewußt den Gegensatz. Sie fordern sich heraus, umkreisen sich und treiben die Intensität ihrer Zusammenarbeit auf einen hohen Spannungspegel. Seit 1982 bearbeiten sie im Duett zahlreiche Litho-Steine und Radierplatten, bestreichen meterlange Flächen, die sich ständig verändern. Das Deutsche Buch-und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei zeigt bis zum 27. Juni eine Übersicht wesentlicher Ergebnisse dieser Arbeitsteilung. Neben einer Serie von Lithographien("Die Stadt") und Teilen der Installation "Struktur Figur Raum" dominiert in der Ausstellung die gnadenlose Ironisierung traditioneller Märchen in ihrem Künstlerbuch "Ein deutscher Hausschatz".

Bei 16 Exemplaren mit jeweils 19 Radierungen zerreißen Dress und Weidensdorfer gängige Märchenstrukturen, zerlegen gewohnte Abläufe und Bildvorstellungen. Die Graphiken werden übermalt und überzeichnet. Auf engen Flächen beharren die unterschiedlichen Temperamente und Handschriften auf ihre Eigenständigkeit. Inhaltliche und gestalterische Vorlagen werden vom Partner aufgenommen, verarbeitet und ergänzt. Oder auch nicht. Denn bei aller Einigkeit im Gesamtkonzept gibt es keine Unterordnung. Die unverrückbare Individualität der Künstler belebt die Arbeiten und ergibt markante Kontraste.

Bei den ausgestellten Büchern, Zustandsdrucken und Probedrucken werden Brüderchen und Schwesterchen, Hänsel und Gretel, Rumpelstilzchen und die 7 Schwaben ungehemmt karikiert. Sie haben den Märchenwald oder das biedere Kleinstadt-ldyll verlassen und gönnen sich einen Schneewittchen-Striptease oder flanieren im Outfit von Al Capone zwischen unklaren Perspektiven.

Erotik für alle Geschmacksrichtungen wird dabei ebenso eingesetzt wie die Bindung an aktuelle Vorgänge.

Die tonige, malerisch-poetische Kunst Claus Weidensdorfers und der oft hektische, doch distanzierte Strich von Andreas Dress finden in diesen Arbeiten eine souveräne Zusammenführung.

Jürgen Henne

Deutsches Buch-und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei, bis 27. Juni, Mo-Sa 9-16 Uhr

Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Globus Galerie Jost Braun

Katalog für 25 DM bei: Edition Lebensretter, Lützowstr. 23, 04157 Leipzig

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